Angst vor dem falschen Stack
KI half bei: Entwurf, Übersetzung. Wie KI beim Schreiben half
März 2020. Ich hatte gerade mein erstes Jahr als Geschäftsführer hinter mir — kleines Metallbau-Unternehmen, vierte Generation, noch auf der Suche nach meinem Platz. Dann hat das Gesundheitsamt angefangen, Betriebe zu schließen, und plötzlich standen Probleme im Raum, auf die mich niemand vorbereitet hatte.
Manche wollten keine Maske. Andere wollten auf keinen Fall eine Infektion riskieren. Irgendwie musste der Laden trotzdem weiterlaufen.
Nach dem ersten Schock habe ich mir gesagt: Wenn wir da durchkommen, dann mit digitalen Hilfsmitteln. Ich wollte kein großes Softwarehaus beauftrage. Ich wollte es selber machen. Dinge bauen die wir selbst auf die Beine stellen können — ein internes Wiki, eine Besucheranmeldung, damit man nachverfolgen kann, wer da war, falls jemand krank wird.
Von Servern hatte ich keine Ahnung. Von Netzwerken auch nicht. Was ein „Stack“ sein soll, wusste ich schon gar nicht.
Also habe ich im Internet gesucht. Fürs Wiki war Open Source schnell gefunden — installieren, Anleitung folgen, ausprobieren. Für die Besucheranmeldung gab’s schon fertige Produkte, aber es musste schnell gehen und möglichst nichts kosten. Bei der Suche bin ich auf ein damals noch recht junges JavaScript-Framework gestoßen: Vue.
Und da wurde mir ziemlich klar: Welche Technologie ich am Ende nehme, war gar nicht so wichtig. Jedenfalls nicht am Anfang.
Viel wichtiger war die Erkenntnis, dass da draußen unendlich viele Menschen ihr Wissen und ihre Arbeit kostenlos teilen — Blogs, YouTube, ganze Lernplattformen. Eine Welt, die ich vorher kaum gesehen hatte. Das Wissen war da. Ich musste nur zugreifen.
Und es war auch zu viel.
Die Menge an Informationen hat mich überfordert. Schlimmer noch: Manch gehypte Technologie verschwinden wieder. jQuery hatte damals schon seinen Zenit hinter sich. Die Angst war einfach und klar: Was, wenn ich Monate in etwas investiere, das schon am Sterben ist? Dann wäre jeder Abend, den ich investiert hätte, umsonst gewesen.
Die Neugier war trotzdem größer.
Ich habe unseren IT-Partner gefragt, ob er uns eine virtuelle Maschine aufsetzen kann — einen Windows-Server, eine Spielwiese. Linux kannte ich nur vom Namen her. Ein Terminal ohne grafische Oberfläche war für mich Science-Fiction. Ein paar Stunden später hatte ich eine Virtuelle Maschine, mit der ich herumspielen durfte.
Ich bin der Wiki-Installationsanleitung gefolgt. Es hat beim ersten Versuch funktioniert. Dieses Gefühl — etwas läuft, weil ich es zum Laufen gebracht habe, ohne einen Berater ins Haus zu holen und ohne uns an ein Monatsabo zu ketten — war besser, als ich erwartet hatte.
Softwarefirmen wollen oft planbaren, wiederkehrenden Umsatz. Fair enough. Aber manchmal will man einfach ausprobieren, ohne zu wissen, ob man das wirklich produktiv einsetzen will was man da gerade in einem Forum gefunden hat. Selber installieren, rumspielen, scheitern — das öffnet Türen, die ein Sales-Call nie öffnet.
Dann kamen die nächsten kleinen Siege: die Seite von localhost runter, von einem anderen Gerät erreicbar machen, eine sprecehende URL statt einer IP. Jeder Schritt fühlte sich riesig an. Keiner davon hat vorausgesetzt, dass ich über Nacht Profi-Entwickler werde.
Dann habe ich VS Code entdeckt. Zur Erinnerung: Es war 2020. Kein Copilot. Kein Claude. Ich musste alles selber lernen — und im Rückblick war das ein Geschenk. React, Vue und Angular haben um Aufmerksamkeit konkurriert. Nach ein paar YouTube-Videos habe ich mich für Vue entschieden und einfach nachgebaut, was ich dort gesehen habe.
Ich glaube immer noch nicht, dass die wichtige Entscheidung Vue war.
Die wichtige Entscheidung war überhaupt anzufangen — im Wissen, dass die Wahl „falsch“ sein könnte, und es trotzdem zu tun.
Wenn du einen Betrieb führst und dich fragst, ob Programmieren etwas für dich ist: Du brauchst keinen perfekten Stack. Du brauchst ein echtes Problem, einen Nachmittag und den Mut, einer Anleitung zu folgen, bis im Browser etwas lädt. Die Angst, Zeit an das falsche Tool zu verlieren, ist real. Genauso real ist der Preis, wenn du darauf wartest, dass dir jemand die Erlaubnis zum Ausprobieren gibt.
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